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Die erste SHOW YOUR DARLING-Ausstellung fand im Dezember 2015 im Atelier von Sabine Wild statt. Jeder Künstler zeigte sein aktuelles Lieblingsbild. Beteiligte Künstler waren: André Baschlakow, Ophelia Beckmann, Eva Bruhns, Nils Clauss, Friedrich Gobbesso, Gero Gries, Matthias Hagemann, Matthias Heiderich, Uschi Krempel, Peter Lützow, Rémy Mouton, Carmelo Naranjo, Béatrice Nicolas-Ducreau, Stefanos Pavlakis, Eric Pawlitzky, Bartolomé Payeras-Salom, Marc Peschke, Martina Reichelt, Stephan Reisner, Christian Reister, Norman Sandler, Jörg Schmiedekind, Jochen Schneider, Alexandra Schraepler, Enno Schramm, Torsten Schumann, Dorothea Schutsch, Martina Teepe, Sabine Wild, Sabine Würich.

 

Link zum Booklet „SHOW YOUR DARLING“

 

SHOW YOUR DARLING

„Entrez, entrez, c‘est ici que commencent les royaumes de l‘instantané.“
(Louis Aragon, Le Paysan de Paris)

Glücklich diejenigen, die ihren Darling gefunden haben. Sie können nach Hause gehen und sagen: „Zu Hause ist es am schönsten!“ Alle 
anderen streifen weiterhin schmachtend durch die Gegend auf der Suche nach dem großen Glück. Als gäbe es dieses wunderbare Ziel überhaupt. Das Begehren entzündet sich immer am Unerreichbaren.
Es gehört Mut dazu, sich festzulegen, sich zu zeigen und seinen privaten Geschmack ins Zentrum einer öffentlichen Schau zu stellen. Im Grunde tut der Künstler dies mit jedem Bild, mit jedem Werk, das er der Öffentlichkeit übergibt. Warum also ist dieses eine Bild ein Milligramm gewichtiger als die anderen, und sei es nur für den Augenblick?
Die Reflexion auf das eigene Werk und die eigene Vorliebe bringt den Künstler in Bredouille. Er ahnt, dass das kreative Wesen im Spiegel vor ihm seinen eigenen Kopf besitzt. Es kann sich der Aufforderung Show your Darling auf kunstvolle Weise entziehen, sogar sein Gesicht dabei wahren. Der Künstler muss sein Lieblingsbild nicht notwendig preisgeben, er kann genauso gut eine Visitenkarte abgeben oder ein bewährtes, populäres Bild aus dem Œuvre wählen. Er kann die persönliche Einladung konzeptionell und ästhetisch für seine Zwecke ausnutzen.
Einmal jedoch in die Ausstellung gelangt, verwandelt sich jedes Bild umgehend in eine Aussage. Es wird zu einer Momentaufnahme des 
Herzens. Die Öffentlichkeit wird es betrachten und begutachten: „Schau an, dies also ist das Lieblingswerk des Künstlers!“ Man wird den Künstler festnageln auf dieses eine Bild. Eine heikle, 
delikate Angelegenheit!
Noch etwas Brutaleres geschieht: Das heilige Bild, das dem Künstler am Herzen liegt, zerfällt neben den anderen zu einem Allerweltsbild. Niemand teilt die persönliche Vorliebe des Künstlers, das Bild ist aus dem Werkkontext gerissen. Es wirkt profan, beliebig, vielleicht noch ganz hübsch, im Grunde aber banal. Es gibt kein anderes Referenzsystem als das des fadenscheinigen Mottos. Der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht, ist ein Gefühl.
Dort hängt es nun, nackt, die ästhetische Wahrheit des Künstlers preis gebend. Am liebsten würde es sich umgehend gegen ein anderes tauschen, aber das lässt die Spielregel nicht zu. Die einen haben vorgesorgt und ihre Position bis ins Detail durchdacht. Hier wirft einer eine verschmitzte Blendgranate, dort verschanzt sich jemand hinter einem tiefgründigen Denksystem. Andere wiederum offenbaren ganz offenherzig eine Entstehungsgeschichte.
Lauter pochende Herzen an der Wand, von Lichtern und Neugierde umgeben, vor Aufregung zitternd, den Atem anhaltend. Man könnte auch sagen: Wer diese Peepshow unbeschadet übersteht, der könnte ein echter, wahrer Darling werden!



Stephan Reisner