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DAS BETT

Anzeichen eines phänomenologischen Moments

Wer kein Bett besitzt, findet keine Ruhe. Wenn sich die Nacht nähert, drängt sich die Frage des Nachtlagers auf. Phänomenologisch betrachtet ist das Bett das Gegenstück zur Straße, ein zurückgezogener, nicht öffentlicher Ort, an dem ein seltsamer Zustand namens Schlaf neue veritable Kräfte erzeugt. Eine Straße kann kein Bett sein, aber in Straßen findet man vielfach Betten.

Im Bett vereinen sich Leben und Tod zur kurzen Mesalliance von Traum und Bewusstlosigkeit. So gesehen, ist das Bett eine luxuriöse Vorstufe des Grabes. Es verbindet den Menschen innig mit dem Schlaf. Auf der Horizontlinie des Traumhaften, Traumatischen, Vergangenen wird gestorben, gebärt und gezeugt. Das Beet des Existentiellen bleibt indes ein schmaler Streifen seiner gesamten Phänomenologie: Die Typologie reicht von der Party-Badewanne bis zum Himmelbett, vom Pferdesattel in der Prärie bis zur märchenhaften Prinzessin auf der Erbse. Während die einen spartanisch liegen, bevorzugen andere Tiefe und Weichheit. Dem Schlaf ist das Bett heilig, dem Traum nicht. Er nutzt jegliche Irritation zu surrealistischen Zwecken und wickelt den Schlafenden in somnambule Zuckerwatte.

Manch einer protzt mit seiner Traumwiese, andere verbergen ihr Refugium. Die Schlafzimmertür bleibt dezent verschlossen, wenn Besuch kommt. Da im Bett das Private, Intime und Zurückgezogene ausgelebt wird, schweben stets frische oder verbrauchte Geister um es herum. Zur Nacht wird ein Bett geöffnet, am Tage wieder geschlossen. Dennoch ist das Bett tagaktiv; aus dem „im“ Bett wird ein „auf dem“ Bett. Immer wenn es benutzt wird, kann das Bett anschließend als Tatort inspiziert werden. Es zeigt stumme Abdrücke und erkaltete Rauchzeichen. Darin ähnelt es der Fotografie, die ein Bett des Lichtes ist. Der Betrachter wird zum Detektiv, der die amorphen Spuren der voraufgegangenen Prozession zur Erzählung bündelt.

Über die Jahre legt eine Bettstätte ein Palimpsest der Träume an und bietet eine extreme Langzeitbelichtung der Ruhelosigkeit. Die sorgfältig über das Bett gezogene Tagesdecke ist eine Art Leichentuch des Lebens. Wenn sich das Bettgestell durchbiegt, weil es alt geworden ist, bildet die Dauer eine Kurve. Das Bett trägt die physische Last von Lust und Leiden über dem Abgrund der Jahre. Träume, Krankheiten, rauschhafte Nächte sind in seine Fasern und Federn eingerieben. Jeden Tag stellt sich die gleiche Frage, ob man gut geschlafen habe. Ein Bett ist wie die unendliche Folge kurzer Hängebrücken zwischen den Tagesinseln. Es verbindet sie Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ohne das Bett wäre eine Reise zur Kehrseite der Zeit undenkbar.

Man gibt Betten eine individuelle Gestalt, damit sich das Alltägliche mit dem Besonderen verbindet. Ein Bett wird im Schlafzimmer gebettet. Es flirtet mit dem Gast, dem Betrachter, dem zukünftigen Geliebten. Fotografien insbesondere von Schlafzimmern sind Wunderkammern der Ägyptologie. Dekor, Tapeten, Bilder, Nachttische, Lampen, Kreuze bilden Grabbeilagen. An Schlafräumen wird die eigenwillige Einsamkeit der stummen Beredsamkeit der Dinge ablesbar. Des Tages wird der Stein der blauen Nacht zur Seite gerollt. Die Toten und die Gespenster schieben ihr Nachthemd unter die Daunen. Zur Nacht kehren sie zurück und tanzen erneut durchs Bett.

Stephan Reisner

 

THE BED

Signs of a phenomenological moment

If you don’t have a bed, you won’t find peace. When night approaches, the question of where to camp takes on a certain degree of urgency. From the phenomenological perspective, the bed is the counterpart to the street, a secluded, non-public place where a strange state called sleep generates new veritable forces. A street cannot be a bed, but you frequently find beds in streets.

In bed, life and death unite to form a brief mésalliance of the dream world and unconsciousness. Seen in this light, the bed is a luxurious precursor to the tomb. It intimately connects people with sleep. On the horizon of the dreamlike, traumatic, past there is death, birth and conception. However, the existential bed remains a narrow strip of its entire phenomenology: the typology ranges from the party bathtub to the four-poster bed, from the saddle in the prairie to the fairytale princess on the pea. While some lie austerely, others prefer depth and softness. The bed is sacred for sleep, not for dreams. Dreams use every irritation for surrealistic purposes and wrap the sleeper in somnambulary cotton candy.

Some people boast of their dream meadow, others hide their refuge. The bedroom door remains discreetly closed when there are visitors. Since the private, intimate and personal life is lived out in bed, fresh or used spirits hover around it. A bed is opened at night and closed during the day. Nevertheless, the bed is active during the day; the „in“ bed becomes „on the“ bed. Whenever it is used, the bed can be inspected as a crime scene. It reveals silent imprints and cold smoke signals. It resembles photography, which is a bed of light. The viewer becomes a detective who bundles the amorphous traces of the preceding procession into a narrative.

Over the years, a bedstead establishes a palimpsest of dreams and offers an extremely long-term exposure of restlessness. The bedspread carefully dragged over the bed is a kind of shroud of life. If the bed frame deflects because it has become old, the duration forms a curve. The bed bears the physical burden of lust and suffering over the abyss of years. Dreams, diseases, intoxicating nights are rubbed into its fibers and feathers. Every day, the same question arises as to whether you have slept well. A bed is like the infinite succession of short suspension bridges between the islands of the days. It connects them week after week, year after year. Without the bed, a journey to the flip side of time would be inconceivable.

Beds are given an individual design so that the daily routine is combined with the extraordinary. A bed is housed in the bedroom. It flirts with the guest, the observer, the future lover. Photographs, especially of bedrooms, are curiosities of Egyptology. Decor, wallpaper, paintings, bedside tables, lamps, crosses act as trimmings in a tomb. In bedrooms, the idiosyncratic loneliness of the silent eloquence of things becomes apparent. During the day the stone of the dark night is rolled to the side. The dead and the ghosts push their nightgown underneath the duvet. At night they return to dance through the bed again.

Stephan Reisner

 

Booklet: SHOW YOUR DARLING – DAS BETT als pdf