Intro

Dear Darkness

I saw a highway of diamonds with nobody on it
(A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Bob Dylan)

Dunkelheit, Orientierungslosigkeit, dunkles umgebendes Geheimnis: Da, aber nicht zu sehen, nicht zu spüren, nicht zu fühlen, nicht zu hören, aber da. Es macht einen Unterschied, ob etwas Dunkles auf einen zukommt oder ob man in einer Dunkelheit steckt. Was als obskure Angst vor dem Unbekannten beim Herannahen wirkt, wird zur Orientierungslosigkeit, wenn man von der Finsternis eingeschlossen wird. In der Dunkelheit versagen die Sinne, sie müssen sich neu ausrichten. Das Ohr und der Tastsinn beginnen zu sehen, das Auge wird taub. Jeder, der einmal in einem Treppenhaus von einem Lichtausfall überrascht wurde, weiß, wie brutal plötzliche Dunkelheit ist. Was eben noch vertraute Umgebung war, wird mit einem Mal zur schwebenden Orientierungslosigkeit.

Dabei beginnt das Leben im Dunklen, im Bauch, in der Erde, es ist uns vertraut. Die Fotografie überlistet die Dunkelheit, ihr Zauber kommt von genau dort. Sie setzt Licht und Schatten in Beziehung, so dass sich die Wahrnehmung des Betrachters je neu ausrichten muss. Je kleiner das Loch, durch das das Licht der Außenwelt in die dunkle Kammer strömt, desto schärfer das Bild in ihrem Innern. Platon schickte den Menschen noch aus der Höhle hinaus, damit er im Licht der Sonne zur Erkenntnis gelange. In der Fotografie wiederum dringt das Licht der Außenwelt bis in den tiefsten Winkel der Höhle. Aber reicht das zur Erkenntnis?
Je tiefer die Nacht, desto leuchtender das Leben und die Farben auf der Leinwand. Nebenbei bemerkt, nichts ist negativer mit Ressentiments besetzt als Schwärze, Finsternis und Dunkelheit. Zu Unrecht! Denn täglich sehnen wir uns nach der Portion Dunkelheit, nachts, wenn wir schlafen. Wir schöpfen labenden Rahm von der Dunkelheit ab und folgen gebannt den Ingredienzien, die Rausch und Unterbewusstsein der Nacht und dem Traum beimengen.

Die Geschichte der Menschheit kennt dunkelste Kapitel, für die unsere Vorstellung versagt, in der nur noch paradoxe Bilder möglich sind. Kann man sich eine „schwarze Milch“ vorstellen? Man kann sich Kakao vorstellen, aber schwarze Milch? Ist schwarze Milch nicht immer noch weiß in ihrem Innern? Was also ist Dunkelheit?

Die größte Dunkelheit, die auf uns zukommt, ist der Tod. Weil wir nichts wissen von ihm, versuchen wir ihn täglich mit Licht und Farbe zu betupfen. Wir machen Bilder von den Dingen, um sie vor dem Verschwinden zu retten, wir luchsen der Vergänglichkeit Momente ab. Wir klammern uns ans an den Handlauf des Sichtbaren, der uns sicher durch das Nichts geleiten soll.

Wir müssen die Dunkelheit auf ihre Schönheit abklopfen, ihre verborgenen Potentiale freilegen. Nicht ihre düstere, alles schluckende und vernichtende Seite ist gefragt, sondern ihr schwarzer Teint, ihre zeitlose Aura, ihr warmer Körper. Die Finsternis mag voller Kanten sein, die Dunkelheit ist es nicht, sie ist ein Medium feinsten Gewebes. In der Dunkelheit schweben wir, in der Finsternis erstarren wir.

Stephan Reisner